Allmählich geht es mir auf den Wecker. Die Situation ist schlimm genug. Für uns alle. Für Eltern, für Kinder, aber auch für Lehrer und Schulleitungen. Vor ein paar Wochen wurden wir alle ziemlich überraschend mit der Situation konfrontiert, zuhause bleiben zu müssen, um die Ausbreitung eines Virus abzuschwächen, das sich in einer Pandemie um die Welt verbreitet. Die Schulen wurden geschlossen. Seit dem machen wir auch in Deutschland Homeschooling, so zumindest verbreiten es Politik und Medien.

Schön wäre es. Denn dann könnte es gerade besser laufen mit der Bildung unserer Kinder in diesem Land. Obwohl die Politik das wiederum vehement in Zweifel zieht.

Aber jetzt mal der Reihe nach.

Offensichtlich hat sich die Bildungsmisere, die sich in den letzten 30 Jahren in unserem Land immer weiter verstärkt, bis in die Redaktionen renommierter Zeitungen und in die Köpfe führender Politiker eingeschlichen und schlägt sich dort in haarsträubendem Unwissen nieder, das über eben diese nun als Wahrheit weiterverbreitet wird. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Sachverhalte nicht recherchiert und hinterfragt werden und eben diese Leute nicht wissen, wovon sie schreiben oder sprechen. Oder steckt da etwa Absicht hinter? Will man sich modern geben und schönreden, in dem man Anglizismen verwendet? Damit die Misere nicht allzu augenfällig ins Gesicht springt?🤔

Nur weil Homeschooling wörtlich übersetzt Schule zuhause heißt, ist das noch lange nicht das, was derzeit in all den damit überlasteten Familien praktiziert wird. Auch Anglizismen, also Begriffe, die ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum stammen und in die deutsche Sprache Eingang gefunden haben, dürfen von Medien und Politikern korrekt benutzt werden.🙈

Wenn man sich mit Bildungspolitik beschäftigt, darf man wissen, dass unter Homeschooling die bewusste Entscheidung von Familien, die ihre Kinder zuhause selbst unterrichten wollen, gemeint ist. Das ist in Deutschland per Gesetz strikt verboten, denn es herrscht Schulpflicht‼️ Familien, die trotz Schulpflicht in Deutschland aus verschiedensten Gründen Homeschooling praktizieren, werden von Gesetzes wegen mit Bußgeld, Zwangsgeld und Erzwingungshaft bestraft und sind von Kindesentzug bedroht. Zahlreiche Beispiele sind immer wieder der Presse zu entnehmen, z.B. dem Artikel Debatte um eine Zwangsinstitution – Gar keine Schule vom 30.01.2018  in der taz.😭

Ich möchte an dieser Stelle auch eine Ausarbeitung des Deutschen Bundestages mit dem Titel Homeschooling in westlichen Industrienationen – Verbreitung, Evaluationsergebnisse, Elternmotive (Wissenschaftlicher Dienst WD 8 – 3000 – 047/2009) vom 20.5.2009, aktualisiert am 25.6.2009 zitieren, die frei verfügbar im Internet als Download zur Verfügung steht:

„Definitorisch bezeichnet Homeschooling „[…] den Bildungsansatz, bei dem Kinder in ihrem eigenen häuslichen Umfeld [zeitweise oder dauerhaft] lernen, anstatt eine Schule [staatlich oder in privater Trägerschaft] zu besuchen1 . Gestaltet wird dieser Lernprozess meist durch die Eltern, seltener durch andere der jeweiligen Familie zugehörige oder nahestehende Personen“ (Spiegler 2008: 11). Dabei ist Homeschooling „[…] keinesfalls die Fortsetzung des althergebrachten Hauslehrerunterrichts, der aus sittlichen oder traditionellen Erwägungen einer Familie praktiziert wurde oder weil in erreichbarer Nähe keine Schule zur Verfügung stand. Vielmehr wird die Entscheidung für Homeschooling vor dem Hintergrund eines verfügbaren und hoch entwickelten öffentlichen Bildungssystems getroffen und ist damit eine bewusste Entscheidung der Eltern gegen dieses System – entweder aus einer generellen [z.B. religiös motivierten], schulkritischen Haltung heraus oder als Reaktion auf die individuellen Bedürfnisse eines Kindes“ (Fischer 2007: 1).“

Dabei fordern schon seit Jahren immer mehr Familien – bisher leider erfolglos – die Abschaffung oder zumindest Lockerung der staatlichen Schulpflicht und die Erlaubnis des Homeschoolings. Zahlreiche Familien (vor allem gut ausgebildete) verlassen inzwischen gezwungenermaßen jedes Jahr das Land oder melden sich reisend, um ihre Kinder freiwillig zuhause unterrichten zu können, da sie mit dem deutschen Bildungssystem nicht mehr konform gehen und für eine gute Bildung ihrer Kinder die Heimat hinter sich lassen. Denn Homeschooling ist in vielen europäischen Ländern erlaubt. Aber auch z.B. in Kanada, wo Eltern, die ihre Kinder zuhause beschulen, sogar monatlich 1000 Dollar vom Staat erhalten. In Deutschland hingegen wird die Zwangsbeschulung mit allen Mitteln durchgesetzt (siehe hier auch z.B. den o.a. Artikel der taz vom 30.01.2018).

Zur Schulpflicht in Deutschland heißt es in einem Artikel der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.03.2020:

„Besonders rigoros geht es erst seit dem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man dann darauf bestanden, dass staatliche Schulbeamte dafür bürgen, dass Kinder im Geiste einer liberalen Demokratie und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erzogen werden. Ein Gedanke, der auch noch den berühmt-berüchtigten Radikalenerlass von 1972 trägt.“

Die Corona-Quarantäne-Situation, die wir gerade haben, ist also alles andere als Homeschooling. Es ist die Auslagerung des Unterrichts nach Hause in die Familien. Dafür haben sich die Eltern und Kinder nicht bewusst entschieden. Und ich bezweifle auch, dass die meisten Eltern per se eine schulkritische Haltung haben. Allerdings sehe ich gerade immer mehr Familien, bei denen es nach mehreren Wochen der Eingewöhnung plötzlich gut läuft und sogar besser als in normalen Schulzeiten und die nun anfangen, eine schulkritische Haltung einzunehmen.

Fakt ist, wir alle machen gerade kein Homeschooling, wir befinden uns in einer von außen aufgezwungenen Situation, die unter den gegebenen Umständen für viele Familien eine große Belastung darstellt.😰 Jede Familie geht anders damit um, auch weil jede andere Ressourcen zur Verfügung hat. Manche Eltern sind im Homeoffice oder arbeiten in den sogenannten „systemrelevanten Berufen“, müssen aber gleichzeitig ihre Kinder zuhause selbst betreuen. Denn die gewohnten Betreuungssituationen funktionieren nicht mehr oder sind verboten. Alleinerziehende tragen noch mehr Belastungen auf ihren Schultern als in normalen Zeiten. Eltern können sich nicht vierteilen und es allen Seiten recht machen. Die Situation erzeugt mächtigen Druck. Die damit verbundenen Leistungen aller dürfen wir alle gerne anerkennen.🙏

Fakt ist, dass Eltern keine Lehrer sind. Eltern müssen dafür sorgen, dass Kinder sozial-emotional gesund in Verbundenheit aufwachsen, in Sicherheit und Geborgenheit. Auch Lehrer sind manchmal Eltern und sitzen im selben Boot wie alle anderen Familien mit den gleichen Problemen. Auch Lehrer sind Menschen mit menschlichen Möglichkeiten.🤪

Fakt ist, dass viele Familien seit Wochen 24/7 zusammenhocken, teilweise auf engstem Raum ohne Außenkontakte und diese Situation für sie nicht alltäglich ist. (Welche Familie kann sich denn heute noch eine große Wohnung mit Garten oder Balkon in der Stadt leisten?)😓

Fakt ist, dass befürchtet wird, dass die häusliche Gewalt in Quarantäne-Zeiten zunehmen wird. Allerdings hat man – zumindest Anfang April – in NRW einen gegenteiligen Trend festgestellt: WDR, Corona-Krise: Abnehmende häusliche Gewalt? Zahlen werfen Zweifel auf vom 2.4.2020

Fakt ist, dass wir trotz allem darauf achten müssen, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder unter der Quarantäne-Situation nicht leiden und körperlichen oder seelischen Schaden nehmen.🙌

Das heißt für mich, dass Eltern ihre Kinder jetzt zuhause nicht noch mehr unter Druck setzen sollten, als sie es durch die Situation ohnehin schon sind. Und wenn die Arbeitsbelastung für die Kinder zuhause tatsächlich zu hoch ist und dadurch das Kind ein Arbeitsblatt nicht macht oder ein Kapitel nicht liest, dann ist das kein Weltuntergang, sondern eine bewusste Entscheidung für das seelische Wohl des Kindes. Wenn etwas vom Schulstoff nicht verstanden wurde und die Eltern keine Möglichkeiten haben (weil sie z.B. arbeiten müssen), den zu erklären, dann sollte das dem Lehrer zurückgemeldet werden, damit er entscheidet, was zu tun ist. Das ist sein Job. Und viele Lehrer machen ihn wirklich gerne und bemühen sich derzeit nach Kräften, der Situation gerecht zu werden – mit den Möglichkeiten, die sie haben.❤️ Die Klassenlehrerin meiner Tochter macht das z.B. ganz hervorragend und ich höre auch aus erster Hand andere gut laufende Beispiele, bei denen sich gewünscht wird, die Schulen blieben bis zu den Sommerferien geschlossen und der häusliche Unterricht mit den Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, möge weitergehen.

Ich denke, ob Eltern, Lehrer oder Schüler, wir sitzen alle gerade zusammen im selben Boot. In entgegengesetzte Richtungen zu rudern, bringt uns keinen Schritt in die richtige Richtung.🚣‍♀️

Deswegen hat die Psychotherapeutin Gunda Frey eine Aktion und einen Hashtag ins Leben gerufen, den ich hier gerne nutze:

#ichbinraus als Mama, wenn es um das seelische Wohl meiner Kinder geht, das ich nicht einem Homeschooling opfern werde, das keines ist
#ichbindrin als Lehrerin und Lerncoach, um andere Familien dabei zu unterstützen, mit der Situation besser klar zu kommen

Danke Gunda Frey für diesen Hashtag #ichbinraus!❤️

Wenn jeder sein Bestes jetzt in den Ring wirft, ist allen geholfen. Und vielleicht wird echtes Homeschooling noch zum Zukunftsmodell, wenn die Politik merkt, dass das für den Staat viel billiger wird. Schlecht wäre das nicht, wenn wir den in der FAZ zitierten Worten Wilhelm von Humboldts folgen, der schrieb: „Staatliche Beschulung führe dazu, dass die Eltern die Verantwortung für die Aufzucht der Kinder an den Staat delegieren, wofür sie einen hohen Preis zahlen: Statt zu freien und gebildeten Menschen wird die Jugend zu Staatsbürgern, mithin zu Untertanen gemacht.“

Homeschooling hin oder her: Vielleicht bietet sich nun endlich die Chance, unser verkrustetes Bildungssystem zu überdenken und einen Neustart zu wagen. Dann hätte die wochenlange Quarantäne wenigstens etwas Gutes hervorgebracht.

Bleibt alle gesund, physisch und psychisch!🍀🌻

Eure Vera

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